Gewohnheitsblind

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Daran gibt es nichts zu rütteln. Dies gilt im Besonderen, wenn es um unseren Alltag geht. Viele, wahrscheinlich die meisten, unserer Handgriffe sind so routiniert, dass sie ausgeführt werden, ohne dass wir großartig darüber nachdenken müssen. Erst wenn etwas den gewohnten Ablauf behindert, fällt uns auf, dass wir mechanisch gehandelt haben. – Lassen Sie sich doch mal bei morgendlichen Tätigkeiten wie dem Toilettengang, der Zeitungslek-türe oder dem Eierköpfen stören. Der ganze Tag gerät aus den Fugen.

                  © Christian Kohl
Gewohnheiten und Rituale scheinen ein stabilisierender Faktor für die Psyche zu sein. Sie helfen uns, uns im Leben zurecht zu finden, schleusen uns durch den Alltag, dienen der Angstabwehr und sorgen für Halt und Struktur. Sicher wirken sie auch lebensverlängernd. Nicht umsonst ver-suchen wir liebgewordene Gewohnheiten durch neue zu ersetzen, wenn wir sie aufgeben müssen. Das treibt manchmal seltsame Blüten, die uns bei anderen häufig zwanghaft erscheinen, und es vielleicht auch sind. Etwa wenn der andere zuhause angekommen sofort den Computer hochfährt, um seine Mails zu checken, oder den Anrufbeantworter abhört. Da wäre z. B. auch der ständige Blick auf das Handy, womit der Mangel an sozialen Beziehungen kompensiert und eine gewisse innere Unruhe zum Ausdruck gebracht wird. Oder die Konsultation von Horoskopen und Wahrsagern bei jeder, auch der unbedeutendsten Entscheidung. Das können wir alles irgendwie nachvollziehen, hängt es doch mit dem Bemühen nach Sicherheit und Halt in einer unruhigen schnelllebigen Zeit zusammen. Außerdem gewöhnen wir uns ganz schnell auch an unvernünftige Dinge und nehmen sie als normal hin, wenn sie nur von genug Artgenossen praktiziert werden.
Wie ist das aber mit Gewohnheiten und Ritualen, die nur von wenigen oder einer bestimmten Gruppe von Menschen ausgeübt werden? Nehmen wir die Installateure. Wie in schamanistischen Ritualen stehen sie bei der alljährlichen Wartung mit maskenhaftem Gesicht beschwörend vor der Gastherme, schrauben sie auf und schrauben sie wieder zu, wobei sie kopfschüttelnd und lautmalend kein gutes Haar an ihren Vorgängern lassen. Nun, auch das nehmen wir als normal hin, auch wenn wir etwas irritiert daneben stehen. Und die Rituale bei Politikern? Etwa am Wahlabend? – Auch das ist eine altgewohnte und daher für uns normale Prozedur. Obwohl gerade dieser formelhaft heruntergebetet kleine Satz »Wir haben einen guten Wahlkampf geführt!« uns eigentlich immer wieder stutzig machen müsste. Denn sollte es nicht um gute Regierungs- oder Oppositionsarbeit gehen? Fußballer sagen ja auch nicht »Wir haben uns schön die Haare gekämmt«, bevor sie sich ans Spiel machen. 

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